
Lesedauer: 5 Minuten
Wie sehen die syrischen Christen ihr Land ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes am 8. Dezember 2024?
Wie sehen die syrischen Christen ihr Land ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes am 8. Dezember 2024?
Assads VermΓ€chtnis ist geprΓ€gt von weit verbreiteter UnterdrΓΌckung und GrΓ€ueltaten gegen Zivilisten, die nach vierzehn Jahren brutalen BΓΌrgerkriegs zu einer tiefen humanitΓ€ren Krise und zur teilweisen ZerstΓΆrung des Landes gefΓΌhrt haben.
Die neuen Machthaber, die HTS (Hayaat Tahrir al-Sham), haben die Bildung einer Γbergangsregierung verkΓΌndet. Im JΓ€nner wurde die neue politische Landschaft mit der Ernennung ihres AnfΓΌhrers Ahmed al-Sharaa zum InterimsprΓ€sidenten offiziell besiegelt.
Ein Jahr nach dem Sturz des Regimes hat sich die Lage in Syrien grundlegend verΓ€ndert. Einerseits gab es positive Entwicklungen: Die Stromversorgung hat sich im ganzen Land stabilisiert, die MΓ€rkte sind geΓΆffnet, die BΓΌrger haben neue BeschΓ€ftigungsmΓΆglichkeiten und kΓΆnnen ihre Meinung freier Γ€uΓern, ohne Verfolgung befΓΌrchten zu mΓΌssen. Syrien hat erste Schritte unternommen, um wieder Anschluss an die internationale Gemeinschaft zu finden.
Dieses hoffnungsvolle Bild wird jedoch durch die seit Jahresbeginn herrschende WΓ€hrungskrise und die drastischen BeschrΓ€nkungen der Banken beim Abheben von Bargeld stark getrΓΌbt. Viele Beamte sind nun arbeitslos, wodurch ihre Familien in Armut geraten sind. DarΓΌber hinaus hat die Unsicherheit aufgrund sich stΓ€ndig Γ€ndernder Gesetze und fehlender SicherheitskrΓ€fte zugenommen.
Zu dieser InstabilitΓ€t kommen zwei schwere GewaltvorfΓ€lle hinzu. Im MΓ€rz 2025 wurde die alawitische BevΓΆlkerung in den KΓΌstengebieten Opfer einer schrecklichen Gewalttat, bei der mehr als 1000 Menschen ums Leben kamen (anderen Quellen zufolge 2100).
Im April und Mai sowie im Juli 2025 kam es in der mehrheitlich von Drusen bewohnten Provinz Suweida im SΓΌden Syriens zu neuen Konflikten, bei denen es vor allem zu Auseinandersetzungen zwischen BeduinenstΓ€mmen, lokalen drusischen Gruppen und den ΓbergangskrΓ€ften der Regierung kam. Diese GewaltausbrΓΌche forderten etwa tausend Todesopfer, darunter 539 drusische Zivilisten.
Die sunnitischen Wurzeln der neuen Regierung haben bei der christlichen BevΓΆlkerung groΓe Besorgnis ausgelΓΆst. Der islamische Einfluss kontrolliert nun die Staats- und Regierungsinstitutionen. Β»Γberall scheint ein Scheich die wichtigen Entscheidungen zu treffen, sowohl in der Regierung als auch an den KontrollpostenΒ«, erklΓ€rten mehrere christliche Verantwortliche.
Auch auf den StraΓen sind VerΓ€nderungen sichtbar, denn die ehemaligen Rebellen, die vor dem Sturz des Assad-Regimes nur Idlib und Umgebung kontrollierten, sind nun im ganzen Land verteilt. Γberall auf den StraΓen sieht man die meist bΓ€rtigen MΓ€nner und verschleierten Frauen.
Im Laufe des Jahres wurde das tΓ€gliche Leben fΓΌr Christen aufgrund verschiedener Formen der Verfolgung immer schwieriger.
Am schockierendsten war der Bombenanschlag auf die Mar-Elias-Kirche in Damaskus am 22. Juni, bei dem 25 Menschen ums Leben kamen (22 davon Christen) und etwa 60 Christen verletzt wurden. Dieser Terroranschlag war ein schwerer Schock. Eine Woche lang blieben die Kirchen in ganz Syrien fast leer, und alle AktivitΓ€ten wurden verschoben.
Im Vergleich zu frΓΌher hΓΆren Kinder, die ΓΆffentliche Schulen besuchen, hΓ€ufiger beleidigende ΓuΓerungen von ihren MitschΓΌlern. Β»Die Situation ist so schwierig, dass einige Familien unserer Gemeinde darauf verzichtet haben, ihre Kinder zur Schule zu schicken, weil sie aufgrund ihrer christlichen Religion beleidigt wurdenΒ«, erklΓ€rte Pater Yohana, Priester der syrisch-orthodoxen Kirche in Homs. Daher haben einige Familien beschlossen, die Transportkosten zu ΓΌbernehmen und ihre Kinder zum Schulbesuch in DΓΆrfer in lΓ€ndlichen Gebieten mit christlicher Mehrheit zu schicken, anstatt sie in Schulen der Stadt zu lassen.Β»Noch trauriger ist, dass die Kirche machtlos ist, diese Situation zu Γ€ndernΒ«, fΓΌgt er hinzu.
Frauen werden auf der StraΓe beleidigt, als Β»wertlosΒ«oderΒ»UnglΓ€ubigeΒ«bezeichnet.Β»Ich lebe in Angst um meine Familie. Das ganze Jahr ΓΌber haben meine Kinder viele verschiedene bΓ€rtige und bewaffnete Menschen gesehen, die ihre Mutter als UnglΓ€ubige beschimpft haben. Jetzt haben sie Angst, alleine auf die StraΓe oder zur Kirche zu gehenΒ«, erklΓ€rt Wael verzweifelt. Er arbeitet in einer der Kirchen von Homs.
Auch Gemeindeleiter werden Opfer von Γbergriffen. Β»Letzte Woche haben mich plΓΆtzlich Leute auf der StraΓe angespuckt. Sie kamen nicht aus der Gegend. Ich bin einfach gegangen, ohne zu reagieren, denn so verhalten wir uns als Christen nichtΒ«, erzΓ€hlt Pater Isaac aus Homs traurig.
Christen, die kleine GeschΓ€fte betreiben, insbesondere diejenigen, die GeschΓ€fte in muslimischen Vierteln haben, mussten einen RΓΌckgang ihrer Kundschaft hinnehmen, da Nichtchristen nicht mehr bei ihnen einkaufen. Β»In besseren Zeiten haben sie die Kirche unterstΓΌtzt, heute muss die Kirche sie unterstΓΌtzenΒ«, sagt Wael aus Homs.
KΓΌrzlich wurden auch Morddrohungen gegen Christen an KirchenwΓ€nden und in christlichen Stadtvierteln hinterlassen.
Die Christen finden sich inmitten eines Konflikts wieder, der nicht der ihre ist.
In der mehrheitlich von Drusen bewohnten Region um Suweida sΓΌdlich von Damaskus sind mehr als die HΓ€lfte der Christen vor der Unsicherheit ins Landesinnere geflohen. WΓ€hrend des Konflikts in diesem Sommer suchten viele Christen Zuflucht in der Kirche, da es nicht sicher war, in ihren HΓ€usern zu bleiben. Β»Ich weiΓ nicht, wie ich neu anfangen soll. Ich habe mein ganzes Leben verloren, meine Arbeit, mein Zuhause und meine Sicherheit. Niemand kann mir mein Leben zurΓΌckgebenΒ«, sagt Fadi, ein 52-jΓ€hriger Mann aus Suweida. Sein Friseursalon und sein Haus wurden von einer unbekannten Gruppe in Brand gesteckt, und er lebt nun in einem gemieteten Haus in Damaskus.
Β»Nach dem Krieg haben wir an der Restaurierung der Kirche gearbeitet, und jetzt sehe ich, wie sie sich wieder leert, aber wir feiern weiterhin unsere Gottesdienste; die Kirche gibt niemals aufΒ«, erklΓ€rt der Pfarrer der evangelischen Kirche von Kharaba, einem Dorf in der Provinz Suweida.
Der Norden Syriens ist nach wie vor unter kurdischer Kontrolle. In diesem Schuljahr haben die kurdischen BehΓΆrden die Verwendung des Lehrplans in kurdischer Sprache in allen Schulen vorgeschrieben. Das fΓΌhrte zur SchlieΓung von 14 christlichen Schulen, die auf Arabisch unterrichteten. Nach langen Verhandlungen haben die BehΓΆrden den Kirchen schlieΓlich erlaubt, ihre Schulen zu ΓΆffnen und den syrischen Lehrplan zu unterrichten. Die Kinder haben seit Beginn des Schuljahres mehr als einen Monat RΓΌckstand. Β»Der Glaube unserer Kinder und ihr Vertrauen in die Kirche motivieren sie, geduldig zu sein und in ihrer Heimat zu bleibenΒ«, erklΓ€rt Morris, syrisch-orthodoxer Bischof von Al-Jazeera.